Berechnung des Pflichtteils

Die Höhe des Pflichtteilsanspruchs ist in erster Linie vom Wert des Nachlasses abhängig. Es müssen daher zunächst alle Vermögenswerte, die zum Nachlass gehören, ermittelt und bewertet werden. Danach werden alle Schulden, die der Verstorbene hinterlassen hat, und die mit dem Erbfall selbst zusammenhängenden Schulden (zum Beispiel Bestattungskosten) abgezogen. Aus diesem sogenannten „Reinnachlass“ wird dann rechnerisch der Pflichtteilsanspruch ermittelt.

IN DIESEM KAPITEL ERFAHREN SIE:

Welche Vermögenswerte Berechnungsgrundlage für den Pflichtteil sind und welche Nachlassverbindlichkeiten den Pflichtteil mindern.

Beispielfall: Den Pflichtteil richtig berechnen

Rainer Hobelsberger, geschieden, setzt seinen Sohn Konstantin testamentarisch zum Alleinerben ein und enterbt seine Tochter Sybille. Einer karitativen Vereinigung wendet er ein Vermächtnis von 100.000 € zu. Nach seinem Tod besteht sein Nachlass im Wesentlichen aus einem Aktiendepot im Wert von 600.000 €. Sybille möchte von ihrem Rechtsanwalt erfahren, wie hoch ihr Pflichtteil ist, da die Aktien zwischenzeitlich mehr als 800.000 € wert seien.

Das Problem

Bei der Berechnung des Pflichtteilsanspruchs gilt das strenge Stichtagsprinzip: Maßgeblich sind die Werte bei Eintritt des Erbfalls; spätere Veränderungen werden nicht berücksichtigt. Hätte sich etwa im obigen Fall das Aktiendepot zwischen dem Erbfall und – der oft Monate dauernden – Berechnung der Pflichtteilsschuld von 600.000 € durch starke Kursverluste auf 400.000 € reduziert, so würde sich der Pflichtteil nicht aus dem reduzierten Betrag errechnen, sondern aus dem Wert zum Zeitpunkt des Erbfalls. Gleiches gilt auch, wenn sich das Aktiendepot durch Kursgewinne von 600.000 € beim Erbfall auf später 800.000 € erhöht.

Die Lösung

Für den Alleinerben Konstantin vermindert sich der Nachlasswert und damit das Erbe zunächst um das Vermächtnis von 100.000 €. Die enterbte Tochter Sybille verlangt ihren Pflichtteil mit einer Pflichtteilsquote von einem Viertel (25 Prozent). Sybilles Rechtsanwalt weiß, dass weder das Vermächtnis von 100.000 € noch eine dem Finanzamt geschuldete Erbschaftsteuer bei der Berechnung des Pflichtteils eine Rolle spielen. In einem klaren und eindeutigen Schreiben an Konstantin fordert der Anwalt für Sybille einen Pflichtteil in Höhe von 150.000 €.

Exkurs: Die pflichtteilsrelevanten Nachlasswerte

Der Aktivnachlass

Der Nachlass eines Verstorbenen kann sich aus ganz unterschiedlichen Vermögenswerten zusammensetzen:

Immobilien: Bei unbebauten Grundstücken, Wohn- und Mietshäusern sowie Eigentumswohnungen muss sorgfältig – am besten durch Einholung eines Grundbuchauszugs – geprüft werden, ob der Verstorbene Alleineigentümer dieser Immobilie war oder vielleicht sein Ehegatte als Miteigentümer im Grundbuch eingetragen ist. Bei der Bewertung von Immobilien wird nicht auf etwaige steuerliche Werte geachtet, sondern der „Verkehrswert“ angesetzt, der durch Einholung eines Sachverständigengutachtens ermittelt werden muss, wenn sich die Beteiligten nicht auf einen Betrag einigen können.

Konten und Wertpapiere: Bei Ehepaaren und Paaren ohne Trauschein ist bei Geld- und Wertpapierkonten – notfalls durch Nachfrage bei der Bank – zu klären, ob nur der Verstorbene oder auch sein (Ehe- oder Lebens-)Partner Inhaber der Konten war. Handelt es sich um Gemeinschaftskonten, werden grundsätzlich nur 50 Prozent des Guthabens dem Nachlass des Verstorbenen zugerechnet. Liegt dagegen ein Einzelkonto vor, wird das gesamte Guthaben als Nachlasswert angesetzt. Dies gilt auch dann, wenn der Ehe- oder Lebenspartner Kontovollmacht hat.

Gesellschaftsanteile: War der Verstorbene zum Zeitpunkt seines Todes an Gesellschaften (Aktiengesellschaft, GmbH, OHG, KG) beteiligt, muss der wirtschaftliche Wert dieser Beteiligung – notfalls durch Einholung eines Sachverständigengutachtens – ermittelt und als Nachlasswert angesetzt werden.

Lebensversicherungen: Eine Besonderheit besteht bei Lebensversicherungen, die der Verstorbene zugunsten einer bezugsberechtigten Person abgeschlossen hat. Die nach dem Erbfall auszuzahlende Versicherungssumme fällt nämlich nicht in den Nachlass des Verstorbenen, da Rechtsgrundlage hierfür nicht das Erbrecht, sondern der abgeschlossene Versicherungsvertrag ist. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs kann aus dieser ausgezahlten Lebensversicherungssumme kein ordentlicher Pflichtteil errechnet werden; stattdessen besteht aber ein Pflichtteilsergänzungsanspruch. Dieser berechnet sich meist aus dem Rückkaufswert der Lebensversicherung zum Zeitpunkt des Erbfalls.

Was ist vom Nachlass abzuziehen?

Schulden: Vom Nachlasswert werden zunächst alle Verbindlichkeiten des Verstorbenen abgezogen.

Kosten, die mit dem Erbfall entstehen: Dazu gehören die Beerdigungskosten für den Verstorbenen sowie gewisse Kosten, die im Zuge von Erbschaftsstreitigkeiten entstehen (zum Beispiel Kosten für Gutachten)

Was nicht abgezogen wird

Vermächtnisse und Auflagen: Nicht abgezogen werden Vermächtnisse und Auflagen, die der Verstorbene im Testament angeordnet hat.

Die Erbschaftsteuer: Nicht abgezogen wird weiter die durch den Erbfall ausgelöste Erbschaftsteuer. Andere Steuerschulden, so etwa die Einkommensteuer für einen Veranlagungszeitraum vor dem Erbfall, mindern dagegen den hinterlassenen Nachlass und damit auch die Ansprüche des Pflichtteilsberechtigten.