Gemeinsame Nachlassverwaltung unter Miterben

Miterben haben den Nachlass bis zu dessen Teilung grundsätzlich gemeinschaftlich zu verwalten. Hierbei kommt es immer wieder zu Interessenskonflikten: Ein Erbe möchte den Nachlass zusammenhalten, der andere so rasch wie möglich seinen Erbteil „versilbern“. Manche Miterben kümmern sich überhaupt nicht um die Verwaltung des Nachlasses, andere wiederum versuchen durch eigenmächtiges Verhalten ihre Vorstellungen den anderen Miterben aufzuzwingen. Auch vernünftige Geschwister oder Cousins haben sich schon oft völlig unerwartet in einer Erbengemeinschaft zerstritten.

IN DIESEM KAPITEL ERFAHREN SIE:

In welchen Fällen Miterben einstimmig, mit Stimmenmehrheit oder alleine über die Nachlassverwaltung entscheiden können und wie Streit über die Verwaltung des Nachlasses vermieden werden kann.

Beispielfall: Gemeinsame Verwaltung des Nachlasses

Die Kinder Andreas, Matthias und Sara haben von ihrer verwitweten Mutter Erika Neubauer ein Mehrfamilienhaus in München geerbt. Als Andreas und Matthias in Urlaub sind, erhält Sara vom Hausmeister einen aufgeregten Anruf. Der Hausmeister teilt ihr mit, dass bei einem starken Sturm ein abgebrochener Ast ein Dachfenster zerschlagen habe. Bei starkem Regen drohe ein Wasserschaden. Da Andreas und Matthias telefonisch nicht erreichbar sind, gibt Sara bei einem Schreiner eine Notreparatur des Fensters in Auftrag.

Beim nächsten Treffen der drei Erben kommt es zum Eklat. Andreas macht Sara schwere Vorwürfe, denn er sieht keinen Sinn in der Reparatur. Er plädiert dafür, das Haus abreißen zu lassen und den Baugrund gewinnbringend zu verkaufen. Matthias hält dies für einen Fehler und spricht sich dafür aus, die Immobilie weiter zu vermieten und hierzu neben der Notreparatur einige dringende Renovierungsmaßnahmen vorzunehmen. Sara wiederum sieht eine Chance, das Haus zu erhalten und mit Dämm-Maßnahmen und einer Solaranlage „energetisch“ zu sanieren.

Das Geldvermögen, das ihre Mutter hinterlassen hat, würde zwar die Kosten der Renovierung, nicht aber die Installation der Solaranlage abdecken. Die Diskussion eskaliert, doch die drei Geschwister sind klug genug, einen Fachanwalt für Erbrecht aufzusuchen, um sich zur Nutzung und Verwaltung der Nachlassimmobilie beraten zu lassen.

Das Problem

Die Frage, ob Miterben im Bereich der Verwaltung und Geschäftsführung einstimmig entscheiden müssen oder eine Mehrheit ausreicht, hängt von der Art der Verwaltungsmaßnahme ab. Die Miterben müssen also wissen, welche Art von Verwaltungsmaßnahme vorliegt, bevor sie einstimmig, mit Mehrheit oder alleine eine Entscheidung treffen können.

Die Lösung

Für Maßnahmen der ordnungsgemäßen Verwaltung genügt die Stimmenmehrheit. Hier geht es um Entscheidungen, die aus der Sicht eines vernünftig und wirtschaftlich denkenden Betrachters dem Nachlassgegenstand gerecht werden und diesen nicht gefährden.
Anders ist dies bei außerordentlichen Verwaltungsmaßnahmen, die nur einstimmig beschlossen werden können. Dies gilt bei allen Entscheidungen, die für den Nachlass eine erhebliche wirtschaftliche Bedeutung haben. Notwendige Verwaltungsmaßnahmen, also Maßnahmen, die dringend erforderlich sind, um den Nachlass zu erhalten, kann jeder einzelne Miterbe ohne Mitwirkung der anderen vornehmen.

Sara konnte bei einem geeigneten Handwerker eine Notreparatur des Fensters in Auftrag geben. Die Kosten dieser „notwendigen Verwaltungsmaßnahme“ kann sie aus ihrem Vermögen vorschießen und dann als Aufwendungsersatz von der Erbengemeinschaft verlangen. Alternativ kann sie den Handwerkerauftrag auch im Namen aller drei Erben erteilen, mit der Folge, dass die Rechnung direkt vom Nachlasskonto bezahlt werden muss. Der von Andreas gewünschte Abriss des Mehrfamilienhauses stellt eine außerordentliche Verwaltungsmaßnahme dar, die nur einstimmig beschlossen werden kann. Die Renovierung des Hauses und die Installation der Solaranlage dienen der Erhaltung und Nutzungsoptimierung des Wohnhauses.

Wegen begrenzter liquider Nachlassmittel stellt aber nur die Renovierung, nicht aber die Installation der Solaranlage eine ordnungsgemäße Verwaltungsmaßnahme dar. Sollte es Matthias gelingen, seine Schwester Sara von seinen Plänen zu überzeugen, können die beiden mehrheitlich – sogar gegen den Willen von Andreas – die Renovierung und weitere Vermietung des Mehrfamilienhauses beschließen.

Möchte ein Miterbe das Haus selbst ganz oder teilweise nutzen, muss er auf Verlangen der anderen Miterben eine anteilige ortsübliche Miete an die Erbengemeinschaft zahlen. Miterben sollten nach dem Erbfall versuchen, die anstehenden Verwaltungsmaßnahmen sachlich zu besprechen. Hierzu macht es Sinn, zunächst alle erforderlichen Maßnahmen aufzulisten und die dadurch auf die Erben zukommenden finanziellen Aufwendungen durch Einholung von Kostenvoranschlägen zu ermitteln, um danach bei begrenzten liquiden Mitteln Prioritäten festzulegen.

Wird von den Miterben zunächst keine Einigung über Umfang und Reihenfolge der Maßnahmen erzielt, kann es Sinn machen, die Gespräche durch eine dritte neutrale Person „moderieren“ zu lassen. Der Moderator sollte das im Gespräch gefundene Ergebnis schriftlich dokumentieren und den Erben in Form eines Protokolls zusenden. Nur so lässt sich vermeiden, dass später Streit über angeblich ganz andere Entscheidungen aufflammen kann.

Exkurs: Die häufigsten Verwaltungsmaßnahmen

Ordnungsgemäße Verwaltungsmaßnahmen der Verkauf einer Eigentumswohnung, wenn zum Nachlass mehrere Immobilien gehören

  • der Verkauf einer Eigentumswohnung, wenn zum Nachlass mehrere Immobilien gehören
  • die Vermietung oder Verpachtung von Nachlassimmobilien
  • die Kapitalanlage bis zur Teilung des Nachlasses
  • die Begleichung von Nachlassschulden
  • die Auszahlung von Pflichtteilsansprüchen
  • Reparaturen und Instandhaltungsmaßnahmen, wenn sie aus Nachlassmitteln beglichen werden können
  • die Einziehung von Mieten

Außerordentliche Verwaltungsmaßnahmen

  • der Verkauf einer Nachlassimmobilie, die den einzigen oder wesentlichen Nachlassgegenstand darstellt
  • die Fortführung eines Handelsgeschäfts durch die Erben
  • der Wiederaufbau eines zerstörten Hauses

Notverwaltungsmaßnahmen

  • dringende, nicht aufschiebbare Reparaturen

In der Praxis ist es nicht immer ganz einfach, die Grenze zwischen ordnungsgemäßer Nachlassverwaltung (für die Stimmenmehrheit erforderlich ist) und einer Notverwaltungsmaßnahme (die jeder Erbe allein vornehmen darf) zu ziehen. Stellt sich im Nachhinein heraus, dass die Gründe für die Maßnahme doch nicht so dringend waren, muss der handelnde Miterbe oft die Kosten aus eigener Tasche tragen. Erben sollten deshalb immer versuchen, derartige Maßnahmen mit möglichst vielen anderen Miterben abzustimmen, bevor sie eigenes Geld oder Mittel der Erbengemeinschaft in die Hand nehmen. Andererseits besteht für den Miterben das Risiko der eigenen Schadenersatzhaftung, wenn er Eilmaßnahmen nicht oder zu spät einleitet und hierdurch Nachlassgegenstände beschädigt werden.

Exkurs: Kein Vergütungsanspruch für die Verwaltungstätigkeit

Miterben können – obwohl das häufig von juristischen Laien anders gesehen wird – im Regelfall keine Vergütung für den Zeitaufwand und die Arbeit verlangen, die sie für die Verwaltung des Nachlasses aufwenden. Meist sind es gerade die passiven Mitglieder einer Erbengemeinschaft, die am lautesten protestieren, wenn ein Miterbe, der sich um den Nachlass gekümmert hat, eine angemessene Vergütung beansprucht. Kann die Nachlassteilung nicht in absehbarer Zeit abgewickelt werden, sollte die Erbengemeinschaft durch Beschluss einem Miterben die Verwaltung des Nachlasses für einen gewissen Zeitraum übertragen. Eine „Verwaltungsvereinbarung“, die am besten schriftlich niedergelegt wird, sollte auch regeln, ob und in welcher Höhe dem verwaltenden Miterben ein Vergütungsanspruch zusteht.

 

TIPP VOM FACHANWALT FÜR ERBRECHT AUS MÜNCHEN

Die gesetzliche Erbfolge führt nahezu immer zu einer Erbengemeinschaft. Der Zwang zur gemeinsamen Nachlassverwaltung, die Mitwirkungspflicht der einzelnen Miterben, die Probleme der Nachlassteilung und die Gefahr der Teilungsversteigerung bergen ein erhebliches Konfliktpotenzial. Mit einem Testament kann man vorausschauend dafür Sorge tragen, dass Konflikte unter den Miterben erst gar nicht entstehen:

Eine Erbengemeinschaft vermeiden

Die einfachste Möglichkeit, Streit unter Miterben zu vermeiden, besteht darin, in einem Testament einen Angehörigen als Alleinerben einzusetzen und die anderen Familienmitglieder durch Vermächtnisse zu versorgen.

Ein Teilungsverbot anordnen

Der Erblasser kann die Teilung des Nachlasses insgesamt oder für einzelne Nachlassgegenstände ausschließen. Diese Anordnung des Erblassers wird aber meist spätestens 30 Jahre nach Eintritt des Erbfalls unwirksam. Sofern sich die Miterben einig sind, können sie sich auch schon vor der Frist von 30 Jahren gemeinschaftlich über einen Teilungsausschluss hinwegsetzen. Will der Erblasser dies verhindern, muss er zusätzlich eine Testamentsvollstreckung anordnen.

Eine Teilungsanordnung des Erblassers

Der Erblasser kann in seinem Testament Teilungsanordnungen treffen, das heißt, er nimmt – nachdem er zunächst die Erben und deren Erbquoten festgelegt hat – eine Verteilung von Nachlassgegenständen vor Streit über besonders begehrte oder besonders unbeliebte Nachlassgegenstände kann so nicht mehr entstehen. Die Miterben müssen die Gegenstände nehmen, die der Erblasser ihnen zugewiesen hat.

Anordnung einer Testamentsvollstreckung

Durch Anordnung einer Testamentsvollstreckung kann der letzte Wille des Verstorbenen bis ins Detail über den Tod hinaus durchgesetzt werden. Dem Testamentsvollstrecker, der eine vertrauenswürdige, fachlich kompetente Person sein sollte, wird nicht nur die Verwaltung, sondern auch die Teilung des Nachlasses übertragen. „Querulatorische“ Miterben können dessen Entscheidungen letztlich nicht blockieren.